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Von Lukas Plewnia, Zürich
Marketing Grundlagen

Der Kübler-Ross Marketing Cycle: Eine Reise durch die Emotionen Ihrer Kunden

LP
Lukas Plewnia
5 Min. Lesezeit

Kunden entscheiden nicht linear. Sie lehnen ab, ärgern sich, feilschen, zweifeln – und akzeptieren am Ende, oder nicht. Der Kübler-Ross Marketing Cycle überträgt ein Modell aus der Psychologie auf diese Reise: die fünf Phasen, die Elisabeth Kübler-Ross 1969 für den Umgang mit Verlust beschrieb. Als Analogie ist das Modell brauchbar, weil es eine Frage stellt, die im Marketing zu selten gestellt wird: In welcher Gefühlslage ist der Kunde gerade – und was braucht er in genau dieser?

Aktualisiert im September 2026. Anrede und Struktur überarbeitet. Neu ist der Hinweis auf Herkunft und Grenzen des Modells: Kübler-Ross beschrieb die Phasen für Sterbende und Trauernde; die Übertragung auf Veränderungsprozesse («Change Curve») und auf Kunden ist eine Analogie, keine empirisch belegte Abfolge. Das Modell dient hier als Denkhilfe, nicht als Vorhersage.

Woher das Modell kommt

Die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross veröffentlichte 1969 On Death and Dying und beschrieb darin fünf Phasen, die sie bei sterbenden Patienten beobachtet hatte: Verneinung, Zorn, Verhandlung, Depression, Akzeptanz. Das Modell wurde später auf Trauer allgemein und dann auf Veränderungen in Organisationen übertragen – die «Kübler-Ross Change Curve» ist im Change Management ein Standardwerkzeug.

Zwei Dinge sollte man dabei wissen. Kübler-Ross selbst hat betont, dass die Phasen weder in fester Reihenfolge noch vollständig auftreten. Und die empirische Forschung zur Trauer hat das Phasenmodell seither weitgehend relativiert; Menschen trauern individueller, als fünf Stufen es abbilden. Für das Marketing heisst das: Das Modell beschreibt keine Realität, sondern bietet eine Sprache für Gefühlslagen, die in Kaufentscheidungen vorkommen.

Die fünf Phasen als Kundenreise

Am ehesten passt die Analogie auf Entscheidungen, die eine Veränderung bedeuten: ein Anbieterwechsel, eine neue Software, eine Investition, die alte Gewohnheiten ablöst. Bei einem Impulskauf greift sie nicht.

1. Verneinung

Der Kunde sieht kein Problem – oder er sieht es, hält aber die bisherige Lösung für ausreichend. Marketing, das hier mit Produktvorteilen argumentiert, redet ins Leere. Was wirkt, ist die Frage, die das Problem sichtbar macht: ein Vergleich, ein Rechner, ein Benchmark. Nicht «unser Produkt ist besser», sondern «so viel kostet dich der Status quo».

2. Zorn

Das Problem ist erkannt, und der Ärger richtet sich nach aussen: auf den bisherigen Anbieter, auf den Markt, gelegentlich auf den, der das Problem benannt hat. In dieser Phase will niemand verkauft bekommen. Was wirkt, ist Verständnis ohne Ausnutzung – Inhalte, die den Ärger ernst nehmen und einordnen, statt sofort die Lösung zu präsentieren.

3. Verhandlung

Der Kunde ist bereit, sich zu bewegen, sucht aber nach Bedingungen: Preis, Umfang, Absicherung, ein Ausweg, falls es nicht klappt. Hier ist der Moment für Konkretes – Preistransparenz, Testphase, Rückgaberecht, Referenzen. Wer hier vage bleibt, verliert den Kunden an den Anbieter, der klar ist.

4. Depression

Nach der Entscheidung kommt oft ein Durchhänger: Zweifel, ob es die richtige war, Ernüchterung, wenn der erste Effekt ausbleibt, das Gefühl, mit dem Wechsel allein zu sein. Diese Phase entscheidet über Stornierungen und Kündigungen in den ersten Wochen. Was wirkt: Onboarding, das den ersten Erfolg schnell sichtbar macht, und ein Ansprechpartner, der erreichbar ist.

5. Akzeptanz

Die Veränderung ist Alltag geworden, der Nutzen ist erlebt. Jetzt lohnt sich, was vorher gestört hätte: die Bitte um eine Bewertung, das Angebot einer Erweiterung, die Einladung, andere zu empfehlen. Wie der Kunde in dieser Phase selbst zum Erzähler wird, beschreibt der Beitrag zur Heldenreise im Marketing.

Ein Beispiel aus der Praxis: die Umstellung auf Automatisierung

Die Phasen lassen sich auch dort beobachten, wo der «Kunde» ein Auftraggeber ist und die Veränderung eine, die du ihm zumutest. Wer ein Google-Ads-Konto von manueller Steuerung auf Smart Bidding umstellt, erlebt bei vielen Kunden genau diese Kurve: Erst «brauchen wir nicht, läuft doch» (Verneinung), dann Ärger über steigende CPCs in der Lernphase (Zorn), dann die Bitte, doch wenigstens Obergrenzen zu setzen (Verhandlung), dann drei Wochen Zweifel, ob das die richtige Entscheidung war (Depression) – und schliesslich der Monat, in dem die Zahlen besser sind als vorher (Akzeptanz).

Wer diese Kurve kennt, kommuniziert anders: kündigt die Lernphase an, bevor sie beginnt, zeigt Zwischenergebnisse in der Zweifelsphase, und drängt nicht auf die nächste Umstellung, bevor die letzte akzeptiert ist. Wie lange eine solche Lernphase dauert und woran man erkennt, ob sie funktioniert, steht im Beitrag zu manuellen Gebotsstrategien.

Die Grenzen der Analogie

Drei Dinge sollte man nicht aus dem Modell ableiten.

Die Phasen sind keine Reihenfolge. Kunden springen, überspringen, fallen zurück. Wer eine Kampagne baut, die Phase für Phase abarbeitet, verliert alle, die sich nicht daran halten – also die meisten.

Die Phasen sind kein Verkaufstrichter. Sie beschreiben Gefühlslagen, nicht Kaufwahrscheinlichkeiten. Ein Kunde im «Zorn» ist nicht weiter im Funnel als einer in der «Verneinung».

Und die Analogie hat eine Grenze der Angemessenheit. Kübler-Ross beschrieb den Umgang mit dem Tod. Ein Softwarewechsel ist kein Verlust dieser Ordnung, und Marketing, das Kundenzweifel mit Trauer gleichsetzt, wirkt schnell übergriffig. Das Modell taugt als interne Denkhilfe; in der Kommunikation nach aussen sollte es unsichtbar bleiben.

Fazit

Der Kübler-Ross Marketing Cycle ist keine Theorie des Kaufverhaltens, sondern eine Erinnerung: Menschen, die etwas verändern sollen, durchlaufen Gefühlslagen, und jede davon braucht etwas anderes von dir – Klarheit, Verständnis, Konkretes, Begleitung, Anerkennung. Wer in seiner Kommunikation nur eine dieser Lagen bedient, meist die Verhandlung, verliert die Kunden in allen anderen.

Zuletzt aktualisiert: 01. Sept. 2026