Schweizer SEA- & Performance-Wissen
Von Lukas Plewnia, Zürich
Marketing Grundlagen

Der Gartner Hype Cycle: Revolutioniert er das Marketing?

LP
Lukas Plewnia
5 Min. Lesezeit

Der Gartner Hype Cycle mit seinen fünf Phasen

Jedes Jahr kommt eine Technologie, die das Marketing angeblich neu erfindet. Manche tun es, die meisten nicht, und die schwierige Frage ist nie ob, sondern wann eine Investition sinnvoll ist. Der Gartner Hype Cycle ist das bekannteste Modell für diese Frage. Er revolutioniert das Marketing nicht – aber er hilft, die eigene Begeisterung einzuordnen, bevor sie Budget kostet.

Aktualisiert im September 2026. Anrede und Struktur überarbeitet. Die Beispiele sind neu und auf Paid Media bezogen; die ursprüngliche Behauptung, AR und VR hätten «das Tal der Enttäuschungen durchquert», ist entfernt – dafür gibt es keinen Beleg. Neu ist der Abschnitt zur Kritik am Modell.

Was der Hype Cycle beschreibt

Das Beratungsunternehmen Gartner veröffentlicht seit 1995 jährlich Hype Cycles für Dutzende Technologiefelder, darunter Digital Marketing und Advertising. Jedes Modell ordnet Technologien auf einer Kurve mit fünf Phasen an:

  1. Technologischer Auslöser – ein Durchbruch, erste Prototypen, viel Medienaufmerksamkeit, kaum brauchbare Produkte.
  2. Gipfel der überzogenen Erwartungen – Erfolgsgeschichten, oft aus Pilotprojekten, dominieren; die Erwartungen laufen der Realität davon.
  3. Tal der Enttäuschungen – Projekte scheitern an der Umsetzung, die Aufmerksamkeit schwindet, Anbieter konsolidieren sich.
  4. Pfad der Erleuchtung – der tatsächliche Nutzen wird verstanden, zweite und dritte Produktgenerationen erscheinen, Best Practices entstehen.
  5. Plateau der Produktivität – die Technologie ist Alltag, ihr Nutzen ist belegt, niemand spricht mehr von Revolution.

Gartner schätzt zu jeder Technologie zusätzlich, wie viele Jahre bis zum Plateau vergehen werden – zwei, fünf, zehn oder nie.

Was das für Marketing-Entscheidungen bedeutet

Der praktische Wert des Modells liegt in einer einzigen Einsicht: Der Zeitpunkt der grössten Aufmerksamkeit ist fast nie der Zeitpunkt des grössten Nutzens. Wer am Gipfel investiert, zahlt hohe Preise für unreife Werkzeuge und trägt das Risiko, dass sich der Ansatz nicht durchsetzt. Wer im Tal investiert, kauft günstiger, findet erfahrene Partner und profitiert vom Aufstieg zum Plateau – wenn er kommt.

Daraus folgen drei Haltungen:

  • Am Gipfel: testen, nicht umbauen. Ein Pilot mit begrenztem Budget und klarem Messziel. Keine Prozesse umstellen, keine Verträge über mehrere Jahre.
  • Im Tal: hinschauen. Technologien, über die niemand mehr spricht, sind oft gerade dabei, brauchbar zu werden. Das ist der Moment, in dem sich Kompetenzaufbau lohnt.
  • Auf dem Plateau: einsetzen, nicht diskutieren. Was hier angekommen ist, ist Standard. Wer es nicht nutzt, hat einen Nachteil, keine Meinung.

Beispiele aus Paid Media

Wo einzelne Technologien auf der Kurve stehen, ist Einschätzung, nicht Messung – auch bei Gartner. Aus der Praxis in Google Ads würde ich es so einordnen:

Smart Bidding ist auf dem Plateau. Ziel-CPA und Ziel-ROAS sind der Normalfall, ihre Grenzen sind bekannt und dokumentiert. Wo sie funktionieren und wo nicht, steht im Beitrag zu manuellen Gebotsstrategien.

Performance Max hat den Gipfel 2022/2023 hinter sich und steckte danach im Tal – zu wenig Transparenz, Brand-Kannibalisierung, unklare Inkrementalität. Mit Brand Exclusions, Kanalberichten und Suchbegriff-Einblicken ist es auf dem Pfad der Erleuchtung: Man weiss inzwischen, wofür es taugt und wofür nicht.

Generative KI in der Kampagnenarbeit – Anzeigentexte, Assets, Analysen – war 2023 auf dem Gipfel. Der Abstieg ins Tal zeigte sich in austauschbaren Texten und Halluzinationen in Reports. Wo sie heute Nutzen bringt, ist eng umrissen: Varianten erzeugen, Daten zusammenfassen, Routinen beschleunigen. Wie sich Werbung in KI-Suchen entwickelt, ist eine andere Frage und steht im Beitrag zu Werbung in ChatGPT und KI-Suchmaschinen.

Cookieless Tracking ist der Fall, in dem die Kurve nicht wie erwartet verlief: Der Auslöser war Googles Ankündigung 2020, Drittanbieter-Cookies abzuschaffen. Die Branche investierte in Alternativen – und Google zog die Abschaffung im April 2025 zurück. Der Nutzen der Investitionen liegt heute in Consent-Mode-Implementierungen und First-Party-Daten, nicht in der Cookie-Frage selbst.

Die Kritik am Modell

Der Hype Cycle ist populär, weil er einleuchtet. Er ist aber kein Naturgesetz, und drei Einwände sollte man kennen.

Nicht jede Technologie durchläuft die Kurve. Viele verschwinden im Tal und kommen nie wieder. Andere springen direkt auf das Plateau, ohne Hype. Rückblickend passen die Erfolgsgeschichten ins Modell; die Fehlschläge werden vergessen.

Die Position ist eine Meinung. Gartner ordnet Technologien nach Einschätzung seiner Analysten ein, nicht nach Messwerten. Eine Analyse von Michael Mullany aus dem Jahr 2016, die zwanzig Jahre Gartner-Hype-Cycles auswertete, fand kaum Technologien, die tatsächlich alle fünf Phasen in der vorhergesagten Reihenfolge durchliefen.

Das Modell sagt nichts darüber, ob du investieren sollst. Es sagt, wo eine Technologie in der öffentlichen Wahrnehmung steht. Ob sie für dein Geschäft taugt, hängt von deinen Daten, deinem Budget und deinem Team ab – nicht von der Kurve.

Fazit

Der Gartner Hype Cycle revolutioniert das Marketing nicht. Er tut etwas Bescheideneres und Nützlicheres: Er erinnert daran, dass Aufmerksamkeit und Nutzen zeitlich auseinanderfallen, und dass die beste Zeit zum Lernen oft die ist, in der niemand mehr hinschaut. Wer das verinnerlicht, investiert am Gipfel klein, im Tal aufmerksam und auf dem Plateau ohne Zögern.

Zuletzt aktualisiert: 01. Sept. 2026